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Bilanzskandal

Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek offenbar in Russland untergetaucht

Veröffentlicht: 20.07.2020 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 20.07.2020
Wirecard und Bafin

Jan Marsalek, der ehemalige COO von Wirecard, befindet sich nach wie vor auf der Flucht. Nun gibt es aber offenbar eine Spur: Wie das Handelsblatt unter Berufung auf Unternehmer-, Justiz- und Diplomatenkreise berichtet, wurde Marsalek offenbar auf einem Anwesen westlich von Moskau untergebracht und befinde sich dort unter der Aufsicht des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Angeblich habe er große Summen in Form von Bitcoins aus Dubai nach Russland geschafft.

Der Spiegel hatte am Wochenende noch über Marsaleks Flucht von Klagenfurt über Tallinn nach Weißrussland berichtet. Dem GRU war es aber offenbar zu riskant, ihn angesichts des politischen Konflikts zwischen Russland und Weißrussland in Minsk zu lassen, weshalb er nach Russland gebracht wurde, so das Handelsblatt. Offenbar arbeitet Marsalek schon lange eng mit dem GRU zusammen. Er habe sich selbst oft als Geheimagent stilisiert, für Reisen nach Russland habe er sechs verschiedene Pässe genutzt. „Er hat in den letzten zehn Jahren über 60 Reisen in das Land unternommen. Seine Einwanderungsakte ist 597 Seiten lang. Das ist weit mehr als bei jedem Ausländer, dem wir in den fünf Jahren solcher Untersuchungen begegnet sind“, heißt von den Rechercheuren von Bellingcat, die gemeinsam mit dem Spiegel die Spur nach Russland entdeckt hatten.

Bundesregierung in der Kritik

Indes hat der Spiegel aufgedeckt, dass die Bundesregierung sich offenbar im vergangenen Herbst für Wirecard eingsetzt hat. Das Kanzleramt habe sich für einen Markteintritt des Konzerns in China stark gemacht, Ex-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beriet Wirecard zu dieser Zeit. Er habe am 3. September 2019 eine Mail zum beabsichtigten Markteintritt in China an den Leiter der Abteilung für Wirtschafts-, Finanz- und Energiepolitik des Kanzleramts, Lars-Hendrik Röller, geschrieben und dabei um „Flankierung“ im Rahmen der Reise gebeten. Nach der Reise habe Röller weitere „Flankierung“ zugesagt.

„Wo er Klinken putzt, droht morgen ein Skandal“, sagte dazu der Linkenpolitiker Fabio de Masi dem Spiegel. „Das Bundeskanzleramt und das Finanzministerium müssen jetzt dringend Aufklärung betreiben.“

Aus der Opposition wird die Kritik größer. „Wie kann man sich so vor den Karren eines dermaßen schmerzbefreiten Lobbyismus spannen lassen?“, fragt etwa der Grünen-Abgeordnete Danyal Bayaz laut dem Spiegel. Das Kanzleramt habe offenbar die Fakten nicht geprüft, bevor man sich für das China-Geschäft von Wirecard einsetzte. „Beim Fall Wirecard stellt sich schon lange die Frage, ob in dieser Bundesregierung irgendjemand auch mal etwas richtig gemacht hat - und das betrifft offenbar auch das Bundeskanzleramt“, so Bayaz weiter.

Scholz verteidigt sich

Er spielt mit seiner Kritik auch darauf an, dass das Bundesfinanzministerium unter Olaf Scholz schon seit Monaten über Wirecard informiert gewesen sei. Olaf Scholz hat Vorwürfe einer mangelnden Aufklärung nun zurückgewiesen. Im ZDF sagte Scholz, dass der Konzern seit zehn Jahren von einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit gutem Ruf überprüft worden sei, seit Frühjahr 2019 habe es verschärfte Prüfungen gegeben. „Weil wir zu denen zählen, die sich nicht wegducken, haben wir alles auf den Tisch gelegt. Jeder muss in dieser Situation die Bereitschaft haben, alles aufzuklären, was notwendig ist“, so Scholz.

Die Opposition bleibt skeptisch. Florian Toncar, finanzpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, denkt bereits über einen Untersuchungsausschuss nach. Ein solcher sei „diese Woche sehr viel wahrscheinlicher geworden, weil mittlerweile eine klare Verbindung der Skandalfirma Wirecard zur Regierung nachgewiesen ist“. Wenn die Regierung einen Ausschuss abwenden wolle, dann müsse sie nun offenlegen, was sie wusste und was an welcher Stelle veranlasst wurde.

Über den Autor

Christoph Pech Experte für Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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Kommentare  

#1 Koch 2020-07-20 09:05
"Die Opposition bleibt skeptisch."

Seit wann sind die Grünen und die FDP in der Opposition? Seit vielen Jahren wird doch in allem gemeinsame Sache gemacht. Nicht umsonst reden viele vom Altparteienbloc k. Wo wird den Oppostionen betrieben? Anstatt dessen ist man doch in allen Positionen einig. Und an der Tatsache dass die Grünen längst zur Lobbypartei aufgestiegen sind, zweifelt doch auch keiner mehr. Die haben uns den ganzen Mist mit Dieselverbot, Windkraft und die damit einhergehende Umweltzerstörun g, Elektroautos usw. doch erst alles eingebrockt. Aber jetzt bei Wirecard ist man auf einmal wieder Oppostion. Opposition? Dass ich nicht lache.
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