Das Ende der farbigen Tattoos?

Ärger über EU-Verbot von fast allen Tattoo-Farben

Veröffentlicht: 16.11.2021 | Geschrieben von: Patrick Schwalger | Letzte Aktualisierung: 16.11.2021
Tätowierer sticht ein Tattoo

Ein Fünftel der Deutschen ist tätowiert. Ob das Herz auf dem Arm, der Löwe auf dem Rücken, das Messer auf dem Schienbein oder der Schriftzug auf dem Bauch – Motive, Menge, Platzierungen und Farben kommen in allen denkbaren Variationen daher. Hauptsache der Körper wird individualisiert. Dabei haben alle Tätowierungen derzeit eines gemeinsam: Wahrscheinlich wurden sie mit einer Tattoo-Farbe gestochen, die ab kommendem Jahr verboten ist. 

Ab 4. Januar 2022 darf man die meisten bisher etablierten Farben nicht mehr anbieten, verkaufen, kaufen oder benutzen. Nicht einmal mehr lagern dürfen Online-Händler die betroffenen Farben. Alternativen gibt es bisher keine. Das hat bittere Folgen für Tattoo-Fans, Tattoo-Artists und auch Online-Shops.

Bestandteile fast aller Farben werden verboten

So ist es aktuell noch vollkommen offen, ob in der EU ab Januar 2022 überhaupt noch farbige Tattoos gestochen werden können. Denn derzeit gibt es keine Farben außer Schwarz, Weiß und Grau, die mit neuen europäischen Anforderungen konform sind. Die aktuell auf dem Markt vorhandenen Farben können nach jetzigem Stand ab nächstem Jahr nicht mehr angeboten werden, weil ihre Hauptbestandteile verboten werden. 

Grund ist eine Änderung an der europäischen REACH-Verordnung. Diese Verordnung regelt die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe, wovon sich auch ihr Name ableitet (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals). So dürfen chemische Stoffe in der EU nur hergestellt oder verkauft werden, wenn sie nach der REACH-Verordnung erlaubt und registriert sind. Bislang war das für die Tattoo-Farben kein Problem. Doch ab Januar 2022 wird die zuständige Europäische Chemikalienagentur (ECHA) insgesamt 4.000 chemische Stoffe verbieten, darunter sind Bestandteile fast aller derzeit gängigen Tattoo-Farben. 

Auswirkungen für Händler sind „katastrophal“

Jörn Elsenbruch, der selbst seit 34 Jahren als Tätowierer tätig ist, findet diese Änderungen weder lustig noch sinnvoll. Neben seinem Tattoo-Studio in Erkelenz betreibt er seit 2007 auch den Online-Shop Magic Moon, über den er Ausrüstung – und damit natürlich auch Farben – für Tätowierer verkauft. 

Durch das Verbot fallen weit über 600 Farben von verschiedenen Herstellern aus seinem Sortiment. Derzeit führt er nur noch elf Farben von einem einzigen Hersteller, die ab 2022 konform mit der REACH-Verordnung sind. Doch besonders farbig geht es dabei nicht zu, denn es handelt sich um verschiedene Schwarz- und Grautöne sowie ein einzelnes Weiß. 

Das habe katastrophale Auswirkungen: „Zum einen können wir nach jetzigem Stand kein Farbspektrum mehr anbieten“, erklärt Elsenbruch, „und zum anderen müssen wir Farben, die wir wohl nicht mehr verkaufen können, ohne Entschädigung entsorgen.“ Denn auch die Lagerung der betroffenen Farben ist ab Januar 2022 verboten.  

Chemikalienagentur sieht hohe Gefahr für die Gesundheit

Die ECHA begründet das kommende Verbot mit den gesundheitlichen Gefahren, die von den betroffenen 4.000 Chemikalien ausgehen. Es sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Stoffe Krebs auslösen, die DNA verändern oder die Fortpflanzung beeinträchtigen können. Auch Hautreizungen sowie -entzündungen, chronische Allergien und Augenschäden führt die Chemikalienagentur an. So seien viele der jetzt verbotenen Stoffe sowieso schon durch die EU-Kosmetikverordnung zur Anwendung auf der Haut verboten. „Daher sollten sie auch nicht unter der Haut genutzt werden“, erklärt uns eine ECHA-Sprecherin auf Nachfrage. 

Grundlage für das Verbot seien verschiedene Studien und zwei offene Konsultationen, in denen verschiedene Interessengruppen ihre Einschätzung geben konnten. Insbesondere der Abschlussbericht zur Sicherheit von Tattoos der gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission von 2016 wurde laut ECHA herangezogen. Die Studienlage habe dann dazu geführt, dass die EU-Kommission auf Anraten der ECHA entschied, dass die Gesundheitsgefährdung durch Chemikalien zu hoch sei und EU-weit einheitlich durch ein Verbot der 4.000 betroffenen Stoffe zu regulieren sei. 

Petition erreicht über 151.000 Unterschriften

Den Tätowierer Elsenbruch überzeugt das nicht. „Es fehlt jeglicher wissenschaftlicher Beleg für eine Gefährdung.“ Das Verbot sei erlassen worden, ohne dass die Tattoo-Branche mit einbezogen wurde. Aus diesem Ärger initiierte Elsenbruch bereits Anfang 2020 die Petition „Tattoofarben retten“, um Aufmerksamkeit im Bundestag zu bekommen. Die insgesamt 151.679 Unterschriften, die gesammelt wurden, konnte er im Mai 2020 dem Vorsitzenden des zuständigen Bundestagsausschusses übergeben. 

Aktuell läuft noch eine offene Petition im EU-Parlament. Unter dem Motto „Save the pigments“ wird dafür geworben, zwei bestimmte Blau- und Grünpigmente, nicht zu verbieten, da diese die Basis für die meisten Tattoo-Farben seien. Bislang hat die Petition etwas mehr als 126.000 Unterstützer gefunden. Erfolg hatten die Anstrengungen in Berlin und Brüssel bislang aber nicht. 

Das Happy End lässt noch auf sich warten

Und so werden ab dem 4. Januar fast alle Tattoo-Farben aus den Online-Shops und den Tattoo-Studios verschwinden. Tattoo-Studios versuchen hastig noch größere, farbige Aufträge bis zum Stichtag fertig zu stellen, Online-Shops wie der von Elsenbruch nehmen die bald verbotenen Farben schon Mitte Dezember aus dem Sortiment. Zwar haben einzelne Hersteller angekündigt, kurz davor zu sein, neue Farben zu entwickeln, die mit der REACH-Verordnung konform sind, doch Elsenbruch ist skeptisch: „In wenigen Wochen steht das Verbot. Hätte jemand was, wäre es schon längst publik.“

Über den Autor

Patrick Schwalger
Patrick Schwalger Experte für: EU- und Bundespolitik

Patrick ist Politik-Experte beim Händlerbund und schreibt regelmäßig als Gastautor auf OHN. Er hat in verschiedenen politischen Kontexten in Brüssel und Köln gearbeitet und kennt die Politik von allen Seiten. Für den Händlerbund bearbeitet er die politischen Entwicklungen, die den Online-Handel bewegen und informiert darüber auf OHN.

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Kommentare  

#3 Verheyen 2021-12-01 12:29
Und den Menschen, die kosmetische Tättowierungen haben wird das dann auch verwährt. Danke dafür, nämlich danke für nichts.
Gehören die Chemikalien in unserem essen auch dazu?
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#2 Verheyen 2021-12-01 11:56
So kriegt man am Ende jedes Business in den Abgrund.
Ich weiß nicht welche Spinner jetzt darauf kamen, ich wurde mit 16 Tätowiert, mit der bösen Farbe und ich bin gesund.
Sollen lieber mal die Chemie von den Feldern, aus dem Viehfutter und aus den Lebensmitteln verbieten, die ich für sehr viel schädlicher erachte als so was. Und nebenbei ist es jeden Menschen eigene Entscheidung.
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#1 S Haubenthal 2021-11-22 09:10
DNA verändern und die Fortpflanzung beeinträchtigen , sind das nicht zufällig Argumente von Impfgegnern?
Mein Vorschlag: Tätowierer*inne n haften für Langzeitfolgen. Weniger Krebs ist für mich jedenfalls ein Happy End.
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