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Kolumne

Wer Marie Kondos Shop kritisiert, hat sie nicht verstanden

Veröffentlicht: 29.11.2019 | Autor: Hanna Behn | Letzte Aktualisierung: 29.11.2019
Marie Kondo

Marie Kondo ist eine selbsternannte Aufräum-Expertin. Seit rund einem Jahr ist auf Netflix ihre Serie online. Hier wird gezeigt, wie die junge Japanerin Menschen hilft, die eigenen Wohnungen oder Häuser aus- und aufzuräumen. Hierfür hat sie eine ganze eigene Vorgehensweise entwickelt, die sogenannte KonMari-Methode. Mit dieser misten die Personen unter Kondos Anleitung bergeweise Klamotten, Bücher und Krimskram aus, weil das Gedöns nämlich „keine Freude entfacht“. Der Kernidee: Dinge, die uns im eigenen Heim umgeben, sollen glücklich machen und nicht belasten – besonders, wenn es viel zu viele sind.  

Glücklich macht auch das Durchziehen der Kreditkarte 

Vor gut einer Woche hat Marie Kondo einen eigenen Online-Shop vorgestellt. Hier bietet sie verschiedene Sachen an, die ihr persönlich besonders viel Freude bereiten. 

Und prompt erntet sie einen Shitstorm. Ihre Aufräummethode wirke deshalb nur noch wie ein Teil eines guten Marketingplans, kritisiert eine Nutzerin auf Twitter.

Eine andere kommentierte, dass hier vor allem das Durchziehen der Kreditkarte Freude entfache: 

Auch verurteilten Nutzer das, was sie dort verkauft: „Sieht so aus, als wäre Marie Kondos neuer Laden nur mit Dingen gefüllt, die sie weggeworfen hat“, schreibt ein weiterer Twitter-Nutzer. 

Denn angeboten werden beispielsweise Dekoartikel wie Kerzen, Vasen oder Schalen sowie kleine Kristalle, was wohl für die meisten Leute unter die Kategorie „Nippes“ oder „Tinnef“ fallen dürfte. Klar, das wirkt auf den ersten Blick wie eine Doppelmoral. Doch das ist eine ebenso einfache wie oberflächliche Kritik.

Aufräumen ist mehr, als Zeug entsorgen

Zugegeben, wie massenweise Besitztümer in gar hunderten von Müllsäcken verschwinden, ist für den ein oder anderen verstörend, schließlich hat man doch mal für alles viel Geld bezahlt und könnte vielleicht noch etwas davon brauchen. Ebenso mutet wohl ihre Art seltsam an, sich vorher bei diesen entsorgten Dingen zu bedanken, Kleidungsstücke in Vierecke zu falten, auf Bücher zu klopfen, um sie aufzuwecken, oder mit einer kleinen Stimmgabel an einen Rosenquarz zu tippen, damit der Raum eine neue Schwingung erhält.

Aber all das ist Teil ihrer Idee, Menschen durch Aufräumen glücklich zu machen: Die Leute, die mit Kondos Hilfe Ordnung in ihr Leben bringen möchten, befreien sich während des Aufräumprozesses offenkundig nämlich nicht nur von materiellem, sondern eben auch von seelischem Ballast. Und das ist kein neuer Gedanke: So sagte etwa der österreichische Arzt und Lyriker Ernst Maria Johann Karl Freiherr von Feuchtersleben bereits Mitte des 19. Jahrhunderts „In einem aufgeräumten Zimmer ist auch die Seele aufgeräumt“, und auch Satiriker Kurt Tucholsky verbreitete schon die Weisheit „Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.“  

Es geht um Achtsamkeit, nicht um Zeug

Eine Kritik eines Twitternutzers war sicher ironisch gemeint, bringt Kondos Anschauungen aber auf den Punkt: „Ich möchte eine Episode dieser Marie Kondo-Show sehen, in der die Person einen Haufen Zeug aus dem Marie Kondo-Shop hat und es in den Müll wirft“.

Das würde Marie Kondo vermutlich sogar tun. Denn man soll sich mit den Dingen um sich herum auseinandersetzen. Was verbindet man überhaupt mit dem Zeug, das seit Jahren im Kleiderschrank oder der Garage verschimmelt? Macht etwas Neues mir ernsthaft Freude oder soll es mich doch nur von irgendetwas ablenken oder vor anderen besser dastehen lassen? Wovon kann man sich trennen, weil ein Lebensabschnitt vorüber ist und es schmerzt, daran festzuhalten? Welche Dinge halten einen davon ab, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren? Es geht um Achtsamkeit und um ein In-sich-Hineinhören. Man soll das finden, kaufen, behalten, schätzen, was sich für einen selbst richtig anfühlt – statt unreflektiert irgendwelches Zeug zu besitzen. Ob das nun Produkte aus ihrem Online-Shop sind oder nicht, ist da einerlei.

Außerdem bringt sie mit ihrem Shop ein Stück weit ihre durchaus konsumkritische Philosophie unter die Leute. Angesichts des Kaufrausches zum Black Friday und Co. ist das aus meiner Sicht vor allem etwas Lobenswertes. 

Über den Autor

Hanna Behn Experte für Usability

Hanna fand Anfang 2019 ins Team der OnlinehändlerNews. Sie war mehrere Jahre journalistisch im Bereich Versicherungen unterwegs, dann entdeckte sie als Redakteurin für Ratgeber- und Produkttexte die E-Commerce-Branche für sich. Als Design-Liebhaberin und Germanistin hat sie nutzerfreundlich gestaltete Online-Shops mit gutem Content besonders gern.

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