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Interview mit SevDesk

Künstliche Intelligenz im Online-Handel: „Die einfachen Aufgaben werden wegfallen“

Veröffentlicht: 03.07.2019 | Autor: Tina Plewinski | Letzte Aktualisierung: 03.07.2019
Menschliche Hand berührt die Hand eines Roboters

Künstliche Intelligenz ist ein Thema, das gerade im Online-Bereich eine immer größere Rolle einnimmt. Denn nicht nur im Privatleben können Sprachassistenten oder smarte Elektrogeräte steigenden Komfort bieten. Auch auf beruflicher Ebene ist künstliche Intelligenz in der Lage, Prozesse zu vereinfachen. Welche Möglichkeiten es da genau gibt, wann der Einsatz von KI flächendeckend wird und wie die Zukunft aussehen wird – darüber haben wir mit Fabian Silberer, Gründer und Geschäftsführer des Online-Dienstleisters sevDesk gesprochen.

OnlinehändlerNews: Künstliche Intelligenz ist ein hochaktuelles Thema, das allerdings noch immer in den Kinderschuhen steckt. Muss man sich damit als Unternehmer wirklich schon jetzt befassen? 

Fabian Silberer: „Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass man auf jeden Fall in Grundzügen versteht, was passiert und inwieweit es seine Branche und Unternehmen beeinflusst. Jeder sollte sich diese Frage stellen: Welche Vorteile bringt künstliche Intelligenz für mich und mein Unternehmen? 

Künstliche Intelligenz ist momentan natürlich ein großes Buzzword. Vieles wird aktuell mit ,Künstlicher Intelligenz‘ abgetan. Selbst einfachste Regelsysteme, die es schon seit Jahren gibt und die in ihrer Qualität schon jahrelang gleich gut sind, werden plötzlich als künstliche Intelligenz verkauft. Trotzdem steckt alles immer noch in den Kinderschuhen.

Die großen Online-Händler, wie zum Beispiel Zalando oder About You, sind hier schon sehr fortschrittlich, investieren sehr viel Geld und bauen eigene Infrastrukturen auf. Das würde ich jedoch keinem normalen Online-Händler raten, da es finanziell schier unmöglich ist. Aber es gibt mittlerweile viele coole Tools, die mithilfe von künstlicher Intelligenz einen Mehrwert im Business bieten können. Sei es das Retargeting, um Marketingeffizienz zu steigern, Rabatte nur anzubieten, wenn es tatsächlich Sinn macht oder sein Lager zu optimieren. Auch bei der Buchhaltung kann man Zeit durch KI-basierte Lösungen sparen. Es gibt also einige coole neue KI-Tools, mit denen man sich auseinandersetzen kann und auch sollte.“

Wie lange wird es noch dauern, bis KI flächendeckend in unserem beruflichen bzw. privaten Alltag eingezogen ist? Jahre? Jahrzehnte?

„Smartphones, Siri, Alexa, Smart TVs oder smarte Autos sind alles Dinge, die schon flächendeckend im Einsatz sind. Die KI ist also bei jedem von uns sowohl im Privat- als auch im Berufsleben angekommen. Überall dort, wo beispielsweise Kreditkarten durchgezogen werden, wird im Hintergrund eine sogenannte ,Fraud Detection‘ gemacht, die auch KI-based ist. Aber die meisten verstehen das noch nicht so richtig als KI. Wenn ein Handy spricht, ist es KI, aber Fraud Detection oder Buchhaltungssoftware versteht keiner so richtig als KI. Und diese Dinge sind sogar teilweise viel anspruchsvoller.

Wenn es darum geht, einzuschätzen, wann KI flächendeckend eingezogen ist, gehen sogar die Expertenmeinungen stark auseinander. Man liest und hört alles zwischen 10 bis 30 oder sogar 50 Jahren. Es bleibt also wirklich sehr schwer einzuschätzen. Stück für Stück wird sich die KI in weitere Bereiche bewegen. Der TV-Zuhause oder der Kühlschrank werden noch smarter. Ebenso wie das eigene Auto und Handy oder die Lichter, die Klimaanlage … kurzgesagt, nahezu alles wird smarter werden.“ 

Auch sevDesk greift auf künstliche Intelligenz zurück. Wie genau können Händler davon profitieren? Welche Services bieten Sie?

„Händler können vor allem von den Anbindungen an die ganzen Online-Shops, von dem automatisierten Verbuchen von Eingangsrechnungen mithilfe von KI oder der Anbindung an die Steuerberater profitieren. Natürlich bietet unsere Buchhaltungssoftware noch zahlreiche weitere nützliche Features an wie das schnelle Schreiben von Angeboten, Rechnungen, Lieferscheinen, Mahnungen oder Gutschriften. 

Alles kann jederzeit und von überall aus erledigt werden. Automatisch wird eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung erstellt und mit nur einem Klick ist die Umsatzsteuervoranmeldung beim Finanzamt. Zukünftig wird es auch eine Liquiditätsvorausschau geben, welche auf KI basiert. Das ist auch sehr wichtig für Online-Händler, um zu sehen, wie viel Geld auf dem Konto ist und wie viel Warenbestand vorhanden ist. Die beiden Dinge sollten sich natürlich die Waage halten. Daher ist eine intelligente Liquiditätsplanung sehr von Vorteil.“

Datensicherheit spielt gerade mit Blick auf Algorithmen und künstliche Intelligenz eine große Rolle. Wie reagieren Sie auf Vorbehalte? Gibt es hier viel Klärungsbedarf?

„Grundsätzlich gilt es natürlich immer zu überlegen, wem die Daten gehören und mit wem man sie teilt. Auch ist es wichtig, dass man das Thema Datenschutz absolut ernst nimmt und man sich der Verantwortung bewusst ist. Gerade bei sensiblen Geschäftsdaten wie beispielsweise Bestellungen oder Bankdaten ist es nochmal kritischer. Diese Daten gehören natürlich unseren Nutzern. Zum Thema Datensicherheit kommunizieren wir schon viel vorab auf unserer Website. Auf Einzelfragen können wir natürlich mit unserem Support eingehen. Und halten das Thema so sehr wichtig.

Gerade intern ist es uns auch wichtig, dass alle unsere Mitarbeiter dahingehend geschult werden. Es gibt für alle kritischen Prozesse mit Daten ganz klare Richtlinien. Unsere Server stehen in Deutschland und unsere Rechenzentren haben ein hohes Maß an IT-Sicherheit und Zertifizierungen. Zudem haben wir viel Zeit und Geld in die Sicherheitsstandards der Software und Schnittstellen investiert, da wir uns absolut bewusst sind, dass wir hochsensible Kundendaten verwalten.“

Wie genau könnte KI den beruflichen Alltag in der Zukunft noch weiter vereinfachen?

„Die einfachen, deklarierenden Aufgaben werden Stück für Stück wegfallen. Sei es die Buchhaltung oder die Steuererklärung. Das wird alles automatisiert im Hintergrund ablaufen. Ebenso wie beispielsweise bei Bestellprozessen. Da wird es KI geben, die aufgrund der gesammelten Daten der letzten Jahre sagen kann, dass z. B. am 12. Juli besonders viele Schuhe gekauft werden und deshalb das System rechtzeitig vorwarnt, dass Schuh XY in den nächsten Tagen ,out of stock‘ laufen wird.
Das lästige Schreiben von Beschreibungstexten für diverse Produkte kann auch stark vereinfacht werden. Dabei lässt man ein so genanntes Text Spinning über die Artikelbeschreibung des Lieferanten laufen, sodass daraus neue Texte generiert werden. Aktuell ist hier zwar noch keine hohe Qualität vorhanden, aber es funktioniert.

Auch das Marketing wird durch KI viel effizienter werden. Man kontaktiert dann wirklich nur noch die Interessenten, die auch Interesse haben. Das ist für potenzielle Kunden weniger nervig und die Akquisitionskosten für neue Kunden werden sinken. Der Bedarf kann so genauer erkannt und entsprechende Anzeigen ausgespielt werden.“


FabianSilberer copyright sevDesk klein

 

Über Fabian Silberer

Fabian Silberer ist Gründer und Geschäftsführer von sevDesk, einer cloudbasierten Buchhaltungssoftware für Selbstständige und Kleinunternehmer. Im Jahr 2013 gründete er zusammen mit seinem damaligen Studienfreund Marco Reinbold das Software-StartUp, welches heute mehr als 65.000 Kunden vorweisen kann.

Über den Autor

Tina Plewinski Experte für Amazon

Bereits Anfang 2013 verschlug es Tina eher zufällig in die Redaktion von OnlinehändlerNews und damit auch in die Welt des Online-Handels. Ein besonderes Faible hat sie nicht nur für Kaffee und Literatur, sondern auch für Amazon – egal ob neue Services, spannende Technologien oder kuriose Patente: Alles, was mit dem US-Riesen zu tun hat, lässt ihr Herz höherschlagen. Nicht umsonst zeigt sie sich als Redakteurin vom Dienst für den Amazon Watchblog verantwortlich.

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