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Notwendig oder unverantwortlich?

Das sagen Zalando, Otto, Amazon und Co. zur Vernichtung von Waren

Veröffentlicht: 13.06.2019 | Autor: Tina Plewinski | Letzte Aktualisierung: 14.06.2019
Gestapelte Pakete

Berichte über die massenhafte Vernichtung von neuen Waren im Online-Handel sorgten bereits im vergangenen Sommer für Aufsehen. Als die Grünen nun vor wenigen Tagen forderten, dass diese „Perversion der Wegwerfgesellschaft“ gestoppt und vor allem auch gesetzlich reguliert werden müsse, brannte das Thema erneut hoch.

Dabei ist das Thema gar nicht so unstrittig, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten mag. Denn einige Brancheninsider bezeichnen solche Prozesse nicht nur als Alltag im Handel, sondern gar als notwendig, da beispielsweise die Vernichtung neuer, aber retournierter Produkte unter Umständen kosteneffizienter sein kann, als diese zu spenden.

Wir haben uns einmal umgehört und verschiedene große Online-Händler um Statements gebeten.

Amazon: Für deutsche Unternehmen ist es „wirtschaftlich wenig sinnvoll, Waren zu spenden“

Der Online-Gigant Amazon äußerte sich folgendermaßen zum Thema:

„Amazons Ziel ist es, dass Kunden mit ihren gekauften Produkten rundum zufrieden sind. Aber Retouren kommen vor, falls Kunden einen gekauften Artikel einmal nicht verwenden können oder ihre Meinung geändert haben. Bei Amazon wird der überwiegende Teil der retournierten Waren – je nach Zustand – an andere Kunden oder Restpostenhändler weiterverkauft, an die Hersteller zurückgegeben oder an gemeinnützige Organisationen gespendet.“

Eine solche gemeinnützige Organisation, mit der Amazon zusammenarbeitet, ist Innatura. Sie vermittelt Sachspenden an karitative Institutionen. Bereits seit 2013 unterstützt Amazon Innatura als Gründungspartner, wodurch nach eigenen Aussagen mehr als 1.000 soziale Organisationen und etwa 450.000 bedürftige Menschen von Amazon-Spenden profitieren konnten.

„In bestimmten Fällen können wir Produkte jedoch nicht weiterverkaufen oder spenden, z. B. aus Sicherheits- oder Hygienegründen. Wir arbeiten intensiv daran, die Anzahl dieser Produkte immer weiter zu senken. Die Mehrwertsteuergesetze in Deutschland geben vor, dass Unternehmen die Mehrwertsteuer auf den Wert von gespendeten Waren entrichten. Daher ist es für Unternehmen in Deutschland wirtschaftlich wenig sinnvoll, Waren zu spenden. Das betrifft auch selbstständige Verkaufspartner, die ihre Produkte direkt an Amazon-Kunden verkaufen. Wenn Amazon eigene Produkte spendet, kommt das Unternehmen gegenüber den deutschen Steuerbehörden für die Mehrwertsteuer auf.“

Innatura selbst zeigt sich glücklich über die Zusammenarbeit mit und Unterstützung durch Amazon. Dr. Juliane Kronen, Gründerin und CEO ließ verlauten: „Amazon ist in Deutschland einer unserer wichtigsten Produktspender und unterstützt innatura von Anfang an. Ohne die Sortimentsbreite von über 1.500 Artikeln, die wir gemeinnützigen Organisationen nur dank Amazon anbieten können, würde es innatura nicht geben.“

Zalando: „Wir vernichten keine neue oder neuwertige Ware“

Anders sieht es da bei Zalando aus. Auf Anfrage teilte uns das Unternehmen mit: „Unserem Verständnis nach wäre Zalando nicht von der geplanten Obhutspflicht betroffen, da wir keine neue oder neuwertige Ware vernichten. Dafür benötigen wir also kein Gesetz. Die Vernichtung neuer oder neuwertiger Ware widerspräche nicht nur unserem Verständnis von nachhaltigem Wirtschaften, sondern auch jeder kaufmännischen Logik.

97 Prozent aller retournierter Artikel können nach Prüfung wieder über den Zalando Shop verkauft werden. Artikel, die wir nicht mehr über den Zalando Shop verkaufen können, sei es Ware aus Vorsaisons oder Artikel, die nur noch in wenigen Größen verfügbar sind, bieten wir bspw. über Zalando Lounge an. Diese Artikel und solche mit kleineren Mängeln wie einem fehlenden Knopf verkaufen wir auch in unseren Outlets. Zalando vernichtet Waren nur in Ausnahmefällen, z. B. wenn dies aus gesundheitlichen Gründen (Schädlingsbefall, Schadstoffbelastung o.ä.) notwendig ist. Dies betrifft etwa 0,05 Prozent aller Artikel.

Zudem sind wir der Meinung, dass eine Befreiung von der Umsatzsteuer bei Sachspenden es vielen Unternehmen erleichtern würde, ihre Produkte für wohltätige Zwecke zu spenden. Zalando spendet bereits heute zum Beispiel an Humedica.“

Otto spricht von einem überschaubaren Problem

Das Hamburger Traditionsunternehmen Otto zeigt sich hingegen von dem politischen Engagement eher verblüfft und ließ über einen Sprecher verlauten: „Uns verwundert, mit welcher Inbrunst Politiker Regulierungs- oder gar Verbotsbedarf reklamieren, obwohl das zugrunde liegende Problem aus unserer Sicht überschaubar ist und auch nicht größer wird. Wir können mit unseren vielen Händlern und Marken (u.a. OTTO, Bonprix, Mytoys, About you) nicht feststellen, dass die Retouren in toto steigen.

Die Quote von Produkten, die am Ende einer Verwertung zugeführt werden müssen, weil sie zu stark beschädigt sind und nicht repariert werden können, liegt bei der Otto Group in einen Bereich von deutlich weniger als 0,5 Prozent (bezogen auf alle Retouren). Diese Produkte werden dann in der Regel einer energetischen Verwertung zugeführt.

Die Vermeidung von Retouren und die Wiederverwertung von retournierter Ware in den Verkaufsprozess ist schon aus rein wirtschaftlichen Gründen im hohen Interesse der Otto Group. Zur Vermeidung von Retouren tragen immer besser werdende Beschreibungen der Artikel, eine hohe Dichte an Bewertungen durch andere Kunden sowie bei Textilien auch virtuelle Ankleiden bei. Diese Verbesserungen sorgen für ein gleichbleibendes bis sinkendes Niveau von Retouren.“

Die Otto Group legt demnach „größten Wert darauf, diese Retouren sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich nachhaltig zu bearbeiten“ und neuwertige Produkte „möglichst schnell wieder zum Verkauf zur Verfügung zu stellen“. Und: „Nur ein ganz geringer Prozentteil der Retouren kann nicht mehr in einen neuwertigen Zustand versetzt werden und wird über spezialisierte Betriebe einer Wiederverwendung zugeführt. Bei Textilien sind es Großhändler, die Second-Hand-Ware vertreiben. Bei Elektronik sind es Spezialbetriebe, die die Geräte wieder in Betrieb setzen können.“

Media Markt Saturn setzt bei Retouren-Abverkauf auf Ebay

Auch der Elektrospezialist Media Markt Saturn will die aktuellen Diskussionen nicht unkommentiert vorüberziehen lassen. Auf seiner Website schreibt das Unternehmen:

„Nahezu 100 Prozent der deutschlandweiten Retouren bei MediaMarkt und Saturn werden wieder verkauft: Originalverpackte und vollkommen unbeschädigte Retouren führen wir wieder direkt dem Verkauf zu – in der Regel über unsere Märkte vor Ort, da das Retourenmanagement in Zusammenarbeit mit den Märkten abgewickelt wird. Alle anderen Retouren werden geprüft, ggf. wieder aufbereitet und über andere Kanäle, als Gebrauchtware gekennzeichnet, abverkauft – insbesondere über die lokalen eBay-Shops der Media Märkte und Saturn-Märkte. Nur in den wenigen Fällen, in denen eine Aufbereitung tatsächlich nicht mehr möglich oder wirtschaftlich sinnvoll ist, wird die Ware einer fachgerechten Entsorgung zugeführt.“

Ebay-Chef begrüßt die Debatte und stellt sich gegen Vernichtung von Retouren

Nicht zuletzt äußerte sich jüngst auch Ebay zum Thema. In einem Interview mit dem Handelsblatt, aus dem Golem zitiert, sagte der Europa-Chef von Ebay, Eben Sermon: „Ich persönlich finde, dass das eine sehr positive Initiative ist“ und „ich befürworte das sehr, ich möchte auch nicht, dass Retouren vernichtet werden“. Ebay selbst stand demnach „schon immer für die Kreislaufwirtschaft, die DNA unseres Unternehmens ist darauf aufgebaut. Produkten ein zweites Leben zu geben, ist das Herzstück von Ebay“.

Auf Anfrage sagte uns Ebay außerdem: „eBay ist einer der größten Absatzkanäle für Retouren und aufbereitete Waren in Deutschland, der von Marken, Händlern und KMUs genutzt wird. eBay ist ein starker Befürworter der Circular Economy und des Konzepts, dass der Lebenszyklus eines Produkts möglichst lang sein sollte. Wir können nicht für alle Händler auf unserer Plattform sprechen und haben keine detaillierten Einblicke in deren Prozesse zum Umgang mit zurückgesandter Ware – aber grundsätzlich bietet eBay einen attraktiven Kanal für den Verkauf von Retouren und aufbereiteter Ware. Die Gesamtzahl der von Verkäufern bei eBay.de angebotenen Artikel im so genannten Produktzustand ,generalüberholt‘ hat sich beispielsweise seit 2013 fast verdoppelt und wir bieten Verkäufern die Möglichkeit, unterschiedliche Optionen für den Zustand eines Artikels auszuwählen – von ,neu‘, über ,generalüberholt‘ bis hin zu ,gebraucht‘.“

Über den Autor

Tina Plewinski Experte für Amazon

Bereits Anfang 2013 verschlug es Tina eher zufällig in die Redaktion von OnlinehändlerNews und damit auch in die Welt des Online-Handels. Ein besonderes Faible hat sie nicht nur für Kaffee und Literatur, sondern auch für Amazon – egal ob neue Services, spannende Technologien oder kuriose Patente: Alles, was mit dem US-Riesen zu tun hat, lässt ihr Herz höherschlagen. Nicht umsonst zeigt sie sich als Redakteurin vom Dienst für den Amazon Watchblog verantwortlich.

Sie haben Fragen oder Anregungen?

Kontaktieren Sie Tina Plewinski

Kommentare  

#7 Thomas 2019-06-17 07:24
Also, ich denke dass hier mal wieder was ganz wichtiges vergessen wird!

Nämlich der Käufer!

Wenn dieser gesetzlich dazu Verpflichtet wäre mit dem was nicht sein Eigentum ist sorgsam umzugehen dann wäre auch weniger neue Ware da zum entsorgen!

Aber solange der Käufer die Packung beim öffnen zerreißt oder den Artikel nicht vollständig zurück sendet. Solange wird es auch Ware geben die man entsorgen muss!

Hier sollte mal der Gesetzgeber dem Kunden auf die Finger klopfen!

Und zu den 19% ist ja es doch so dass die Firma beim Kauf der Ware 19% zahlt und diese also bei Finanzamt als Ausgabe zählt und somit die Spende auch mit 19% zu rechnen ist da ja sonst die Firma 19% Gewinn macht bzw. 19% weniger Verlust!

Stellt euch mal vor was passiert wenn keine 19% zu zahlen wäre!

Die Firmen würden wie gedopt Spenden!

Jetzt wird doch jeder sagen "Das ist doch klasse!"

Nein, eben nicht!

Die Firmen würden dies als Werbung missbrauchen und noch 19% weniger Verlust haben als bei normaler Werbung.

Auch der Größen unterschied der Firmen ist da zu beachten.
Wenn der große dann den Markt mit Spenden überschwemmt und der kleine nichts mehr verkauft. Sobald dann die kleinen pleite sind kann dann der große wieder seine Spenden sein lassen und normal Verkaufen. Zum sonder Hochpreis weil es ja keine kleinen mehr gibt!
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#6 H.K. 2019-06-13 15:06
@James: "Die unterschwellige Aufforderung, die Umsatzsteuer für Spenden zu kippen, ist definitiv KEINE gute Idee, da fallen mir auf Anhieb mehrere Möglichkeiten ein, wie große Firmen sowas dann schamlos ausnutzen, um ihre Gewinne zu maximieren!"

Gewinnmaximierung durch MwStbefreiung bei Spenden. Wie soll denn das gehen?

Ich kaufe etwas für 100,00 € ein (ohne MwSt, weil Unternehmer) und spende nach einer Retoure diesen Artikel einer gemeinn. Organisation. Damit habe ich 100,00 € Verlust und darf jetzt noch 19,00 € MwSt abführen? Für 1,00 entsorge ich das dann lieber im Müll. Das ist dann eher Verlustminimier ung.
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#5 Thomas Knott 2019-06-13 13:31
Vielen Dank für den Artikel, der die Fake News aufdeckt, mit denen Politiker die Bürger belästigen, wohl um den Staatshaushalt weiter aufzublähen und mehr Posten für Ihre Spezln zu schaffen. Ich würde mir wünschen, dass die OnlinehändlerNe ws jetzt diese Politiker einzeln zur Rede stellen, was sie beitragen um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, die nicht über fette Pensionsansprüc he und Diäten verfügen. Und welche überbordenden Vorschriften sie abbauen werden, um die kleinen Händler zu stärken. Die Großen freuen sich ja über mehr Vorschriften, die den Markteinstieg für neue Wettbewerber immer weiter erschweren. Insofern ist die ganze Diskussion nur ein Schaukampf, bei dem sich die Politiker und die großen Konzerne in die Hände spielen, um die wirtschaftliche n Freiheiten der Bürger und kleinen Gewerbetreibend en weiter zu beschneiden.
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#4 Klasube 2019-06-13 11:52
Wieder einmal doktern die Grünen an den Syptomen und nicht an der Ursache. Ursache nämlich ist ein vom Gesetzgeber übertriebener Verbraucherschu tz, der es jedem erlaubt, online bestellte Ware ohne Angabe von Gründen zurückzugeben. Das führt dazu, dass man sich fünf Paar Schuhe bestellt und vier davon zurückschickt. Das wiederum dazu, dass jährlich ca. 280 Millionen Pakete umsonst logistisch behandelt und transportiert werden müssen, in LKWs die Strassen und Autobahnen verstopfen, das böse CO2 produzieren und letztendlich zu dem volkswirtschaft lichen Wahnsinn führt.
Als ob der geschäftsfähige , mündige Bürger diesen Schutz wirklich braucht - wenn ich etwas bestelle, bin ich einen Vertrag eingegangen und es obliegt dem Verkäufer, ob er die Ware bei Nichtgefallen (eventuell kostenpflichtig !) wieder zurücknimmt. Wenn der Käufer generell die Retourenkosten und eine prozentuale Wiedereinlageru ngsgebühr bezahlen müßte, wäre sehr bald Schluß mit dem Unfug.
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#3 James 2019-06-13 09:44
Obwohl ich gegen den Verbotsvorschla g bin (da müssen andere Wege gegangen werden, zB Verteuerung der Entsorgung) finde ich es lustig, wie in den Antworten der Unternehmen unklare oder verniedlichende Aussagen gemacht werden "nahezu 100%" oder "0,5%". In Tonnen angegeben klingt das nämlich nicht mehr so schön... ;-)
Die unterschwellige Aufforderung, die Umsatzsteuer für Spenden zu kippen, ist definitiv KEINE gute Idee, da fallen mir auf Anhieb mehrere Möglichkeiten ein, wie große Firmen sowas dann schamlos ausnutzen, um ihre Gewinne zu maximieren!
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#2 TL 2019-06-13 09:20
Über die Vernichtung von Retouren brauchen sich Politiker keine Gedanken machen. Der weitaus bessere Ansatz wäre das entstehen der Retouren in das Blickfeld zu rücken. Dem Verbraucher wird es doch sehr einfach gemacht, durch kostenlose Sendungen und Rücksendungen mehr zu bestellen als benötigt um den "nichtgefallene n" Rest wieder zurückzusenden. Der Transport hin und zurück zum Verbraucher ist eine Dienstleistung und sollte dem Verbraucher auch in Rechnung gestellt werden "müssen"! Wer arbeitet denn heute gern und motiviert für "lau", ich bin überzeugt keiner und von den Verbrauchern schon gar keiner. Dennoch erleben wir es täglich, das eine kostenfreie Retoure gefordert wird (bei uns kostet diese Geld und wird auch so kommuniziert). Das hat sicher Nachteile, einmal in schlechten Bewertungen auf Grund das wir nicht auf die kostenlose Rücksendungsfor derung eingegangen sind, zum anderen ist das ein Verkaufsnachtei l. Zu guter letzt hat der Verbraucher auch noch die Möglichkeit bei Ebay & Co. eine Reklamation aus dem Rücksendungswun sch zu machen und schon ist Geld und Ware weg.

Über diese Punkte könnten sich Politiker Gedanken machen, es ließe sich der Verkehr reduzieren, damit die Belastung der Straßen und Städte, CO² und Feinstaub Ausstoß könnte reduziert werden - gut für´s Klima und Gesundheit, die Löhne für die Auslieferungsfa hrer könnten steigen - motivierte Fahrer wären das Ergebniss.

Retouren wird es im Onlinehandel immer geben, die Größenordnung könnte durch solch einen Denkansatz vielleicht etwas geregelt werden. Gefühlt wird das aber nicht passieren, durch Spenden verdient der Staat die Mehrwertsteuer, also wird dort angesetzt ... das ist einfacher als Wähler zu verprellen.
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#1 H.K. 2019-06-13 08:35
"Die Mehrwertsteuerg esetze in Deutschland geben vor, dass Unternehmen die Mehrwertsteuer auf den Wert von gespendeten Waren entrichten."

Das sollte man mal zu Thema machen. Wenn ich Retouren spenden möchte und als Dankeschön für Null Gewinn die MwSt dafür abführen soll, dann würde ich die Ware auch eher in den Shredder werfen. Ist aus unternehmerisch er Sicht günstiger.
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