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Entwicklung von Lieferketten

Modehandel: Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden wichtiger

Veröffentlicht: 21.01.2020 | Autor: Hanna Behn | Letzte Aktualisierung: 27.01.2020
Stoffrollen in verschiedenen Farben

Der Preis scheint nicht länger die wichtigste Maxime in der Modebranche zu sein, wenn es um Bezugsquellen für die eigenen Lieferungen bzw. die Lieferketten geht. So rücken Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit zunehmend in den Fokus, legt die Studie „Global Sourcing Reference“ nahe.

Einkäufer, seien es Modemarken oder Händler, beziehen zudem weniger Kleidung aus China oder der Türkei, zunehmend aber aus Bangladesh, zeigt die Studie „Global Sourcing Reference“ von Kurt Salmon/Accenture Strategy. Während Chinas Anteil in 2011 noch fast 40 Prozent ausmachte, sind es heute nur noch 29 Prozent. 

Veränderungen der wichtigsten Bekleidungsbeschaffungsmärkte und Prognose für 2022 / Global Sourcing Reference, Kurt Salmon/Accenture Strategy

Wir sprachen mit Dr. Peter Rinnebach, Managing Director bei Kurt Salmon, über aktuelle Entwicklungen und Trends zu Lieferketten im Modehandel. Als Experte für vollständige Wertschöpfungsketten im Handel zählen große Firmen im Bereich Fashion und Non-Food zu seinen Kunden.

Bangladesh hat Relevanz von Nachhaltigkeit früh verstanden 

Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit und der Rückgang von Bezugsquellen aus China sind eng miteinander verknüpft: „China verliert bereits seit vielen Jahren an Bedeutung für die Beschaffung von Bekleidung für den europäischen Markt“, so Peter Rinnebach. „Diese Entwicklung wird sich in Zukunft fortsetzen. Für 2022 erwarten wir nur noch einen Anteil von 23 Prozent Chinas, während Bangladesch seine Position bis auf 22 Prozent ausbauen wird. Der Grund für diese Entwicklung liegt sowohl in den immer weiter steigenden Produktionskosten in China als auch in der fortschreitenden Entwicklung Bangladeschs als Alternativmarkt mit zunehmender Abdeckung von Produktgruppen und Fähigkeiten.“ 

Bangladesch hat sich vor allem durch günstige Preise als Bezugsquelle für Textilien am Markt behaupten können. Doch spätestens nach dem Gebäudeeinsturz einer Textilfabrik nahe der bengalischen Hauptstadt Dhaka im Frühjahr 2013, bei dem 1.235 Menschen getötet und weitere knapp 2.500 Personen verletzt wurden, „haben viele lokale Hersteller erkannt, dass Nachhaltigkeit zu einer unabdingbaren Voraussetzung für den Erhalt und Ausbau der Marktposition geworden ist und entsprechend gehandelt“, erläutert der Lieferketten-Experte. Auch wurde dort erkannt, dass man nur dadurch wachsen könne, wenn man die Fähigkeiten für eine höherwertige Produktion ausbaue. 

Ein weiterer wichtiger Lieferant für den europäischen Markt ist auch die Türkei. Allerdings stehen hier starke Fähigkeiten hohen Produktionskosten gegenüber, weshalb das Land Anteile zugunsten von Vietnam, Kambodscha, Marokko und Myanmar verliert. In Zukunft würden Nordafrika und auch Osteuropa als Bezugsmärkte an Relevanz gewinnen. Der Fokus liegt in diesem Fall darauf, durch Lieferungen aus diesen Ländern schnell auf kurzfristige Marktänderungen reagieren zu können. 

Die wichtigsten Kriterien für die Wahl des Zuliefererlandes

Bei der Auswahl neuer Lieferanten und Beschaffungsländer für Kleidung und Textilien waren laut Peter Rinnebach bisher Verlässlichkeit, Kosten und Qualität die ausschlaggebendsten Faktoren. In Zukunft werden Kriterien wie technischer Fortschritt, Produktionszeiten und die soziale Verantwortung der Lieferanten (CSR) stark an Bedeutung gewinnen. 

Grundsätzlich ist für die Wahl des passenden Beschaffungsmarktes weiterhin eine gewisse politische Stabilität von Belang, weiß Dr. Rinnebach: „Sowohl um eine verlässliche Produktion zu ermöglichen als auch sicherzustellen, dass die Situation im Beschaffungsland den ethischen Ansprüchen der Marke gerecht wird und natürlich Einkäufer und Teams auf Reisen sicher sind. Man konnte dies recht deutlich daran sehen, wie Tunesien und auch Ägypten während der Zeit des Arabischen Frühlings an Bedeutung verloren haben.“

Steigende Lohnkosten bereiten Händlern zunehmend Sorgen

In der Studie wird aber auch ein weiterer Trend sichtbar: Die Unsicherheit von Modemarken und -händlern hat in den letzten zwei Jahren stark zugenommen. So blicken Händler deutlich besorgter als noch 2017 auf steigende Lohnkosten: Für knapp ein Drittel mehr ist dies mittlerweile die größte aktuelle Herausforderung bei der Wahl des Zulieferers – insgesamt sind 76 Prozent aller Modeunternehmen deswegen beunruhigt. 

Auch die Zunahme von Handelsbarrieren, insgesamt für jedes zweite Unternehmen ein Unsicherheitsfaktor (plus 18 Prozent), sowie die mangelnde Verfügbarkeit von Rohmaterialien (insgesamt 65 Prozent, plus 17 Prozent) bereiten zunehmend Kopfzerbrechen.  

Strategieempfehlung: Agilität und Analyse

Technologie spielt längst entlang der gesamten textilen Produktentwicklung und Beschaffung eine bedeutende Rolle – insbesondere wenn es darum geht, Nachfrage und Trends ausgehend vom Kunden analytisch zu identifizieren und quantifizieren. 

Peter Rinnebachs Strategieempfehlung für Händler, die nicht recht wissen, wie sie sich in diesem Umfeld erfolgreich behaupten sollen: Analytische Fähigkeiten mit agilen Prozessen kombinieren. Beide Aspekte „gehen weit darüber hinaus, Produktentwicklungen zu beschleunigen oder neue Analyse-Tools zu implementieren“. Vielmehr sei eine vollumfängliche Integration von Sortimentsplanung über Prognosen auf Basis von Daten bzw. Trendanalysen bis hin zur Produktentwicklung und Bedarfs- bzw. Produktionsplanung notwendig – „unterstützt durch Transparenz entlang der gesamten Prozesskette sowie durch analytische Fähigkeiten für Vorhersagen, Optimierungen und kurzfristige Entscheidungshilfen“. 

Auf diese Weise könnten Unternehmen intelligenter planen oder schnell auf Unvorhergesehenes reagieren – unabhängig davon, ob es sich um neue Kundenwünsche oder um Risiken auf der Beschaffungsseite handele. „Damit dies gelingt, muss das Management umdenken“, sagt der Experte. Sowohl analytische Skills als auch Flexibilität sollten seiner Ansicht nach fest zum Tagesgeschäft gehören. Entscheidungen müssten zudem auf Basis zahlreicher Szenarien getroffen werden. 

Über den Autor

Hanna Behn Experte für Usability

Hanna fand Anfang 2019 ins Team der OnlinehändlerNews. Sie war mehrere Jahre journalistisch im Bereich Versicherungen unterwegs, dann entdeckte sie als Redakteurin für Ratgeber- und Produkttexte die E-Commerce-Branche für sich. Als Design-Liebhaberin und Germanistin hat sie nutzerfreundlich gestaltete Online-Shops mit gutem Content besonders gern.

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