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„Wir sitzen alle im selben Boot“

So trifft das Coronavirus deutsche Online-Händler

Veröffentlicht: 31.01.2020 | Autor: Michael Pohlgeers | Letzte Aktualisierung: 31.01.2020
Mann mit Atemmaske

Das Coronavirus sorgt für Schlagzeilen und auch in Deutschland wurden erste Infektionsfälle gemeldet. In China, wo das Virus erstmals aufgetreten war, wurde aufgrund der Infektionsgefahr das Ende des derzeit laufenden Neujahrsfests verschoben. Viele Produktionsstätten dürften erst in über einer Woche wieder den Betrieb aufnehmen. Online-Händler in Deutschland fürchten nun Lieferengpässe und sorgen sich um die Sicherheit ihrer Waren. 

Wir haben mit Florian Schwarz, Berater für Amazon Händler bei Smart AMZ, und den Online-Händler Thorsten Köhler (Name von der Redaktion geändert) über die aktuelle Lage in China und die Folgen für den deutschen E-Commerce gesprochen.

OnlinehändlerNews: Einigen Händlern zufolge werden derzeit Warenlager in China wegen des Coronaviruses stillgelegt, die Mitarbeiter dürfen nicht zur Arbeit. Wie ist die Lage nach deinen Informationen in dem Land, Florian?

Florian Schwarz: In China herrscht aktuell noch das Chinese New Year. Während dieser Zeit sind aufgrund der Festlichkeiten nahezu alle Betriebe geschlossen und die Mitarbeiter sind meist mehrere tausend Kilometer weit zu ihren Familien nach Hause gefahren. Aufgrund des Coronaviruses wurde das Ende des Neujahrsfestes jetzt für viele Bezirke verschoben, sodass eine Vielzahl der Produktionsstätten wohl aller Voraussicht nach erst wieder am 10.02.2020 öffnen wird.

Ob der 10.02.2020 wirklich eingehalten werden kann, kann im Moment keiner mit Sicherheit sagen. Leider ist es auch mehreren meiner Ansprechpartner vor Ort zufolge sehr leicht möglich, dass die tatsächlichen Zahlen zu Infizierungen und Todesfällen leider um ein Vielfaches höher sind als bekannt und der Virus noch viel weitreichendere Folgen haben könnte.

Händler fürchten Lieferengpässe

Müssen deutsche Händler eurer Meinung nach nun mit Lieferengpässen rechnen?

Florian Schwarz: In vielen Fällen voraussichtlich ja. Die Gebiete rund um Wuhan, der Stadt, in der der Virus ausbrach, wurden unter Quarantäne gestellt. Das betrifft mehr als 50 Millionen Menschen. Viele davon werden aktuellen Einschätzungen nach auch Mitte Februar noch nicht wieder in ihre Fabriken zurückkehren dürfen. Wuhan und Umgebung ist zudem der größte Hersteller für Eisenerzeugnisse in ganz China. Das kann bedeuten, dass die Rohstoffe zur Weiterverarbeitung der eigenen Waren fehlen können, selbst wenn die Produktionsfabrik in einem absolut Virus-unbedenklichen Gebiet ist.

Thorsten Köhler: Definitiv! Uns hat die Hiobsbotschaft gestern per E-Mail erreicht. Die Regierung in China hat die Firmen um eine Stilllegung der Produktion bis zum 9.2.2020 gebeten. In China herrscht eine andere Mentalität als hierzulande. Wenn du dort von der Regierung gebeten wirst, dann kommst du dieser Bitte nach.

Wie reagiert ihr auf die Lage, vor allem wenn es um Stillstand in den Warenlagern geht?

Florian Schwarz: Wir haben in den letzten Tagen schon intensiv die Verkaufszahlen analysiert und hochgerechnet, um zu sehen, ab wann wir in die kritische Out-of-Stock-Situation geraten würden. Da es höchstwahrscheinlich auch bei den ersten abgehenden Seefrachten aufgrund des begrenzten Laderaumes und des Ansturmes der Produzenten zu Verzögerungen kommen wird, planen wir schon jetzt eine kleinere Luftfrachtsendung ein, um dem entgegenzuwirken. Es empfiehlt sich ebenso, jetzt schon eine Bestellung bei seinem Lieferanten zu platzieren, um möglichen Produktionen von Konkurrenten zuvor zu kommen.

Thorsten Köhler: Ich habe mich darauf eingestellt, dass die Anlieferung der neuen Ware knapp wird. Dies ist mal wieder ein schönes Beispiel dafür, dass man nie zu knapp planen sollte. Als junges E-Commerce Unternehmen haben wir hier wieder etwas Wichtiges gelernt.

Händler sollten Verständnis zeigen

Was sollten Händler jetzt unternehmen?

Florian Schwarz: Die Lagerbestandsreichweite sollte genauestens im Auge behalten werden. Wenn immer noch keine Besserung der Lage in Sicht ist, sollten auch zusätzliche Marketing-Kampagnen und Aktionen vertagt oder gestrichen werden. Mit den Produzenten und Mitarbeitern vor Ort in China muss schnellstmöglich die genaue Situation geklärt werden. Aber vor allem gilt: Viele der Chinesen sind aktuell aufgrund des Coronaviruses sehr verängstigt und mit der Situation verständlicherweise überfordert. Gebt ihnen die notwendige Zeit und versucht, eurem Lieferanten auch auf zwischenmenschlicher Ebene zur Seite zu stehen, Verständnis zu zeigen und Mut zuzusprechen.

Thorsten Köhler: Wir haben unseren Partnern in China vollstes Verständnis entgegengebracht und drücken ihnen die Daumen. China ist zwar weit weg, aber wir leben alle auf dem gleichen Planeten, trinken das gleiche Wasser und atmen die gleiche Luft. In den Medien wird ja bereits von einer Pandemie gesprochen und deswegen sitzen wir mittlerweile definitiv in einem Boot. Als Maßnahme werden wir teilweise die Preise auf den Marktplätzen erhöhen, um die Abverkaufrate zu dämpfen. Es ist aber trotzdem damit zu rechnen, dass wir in Teilen des Sortimentes ausverkauft sein werden. Leider gibt es neben China keine realistische Alternative für unseren Einkauf.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über den Autor

Michael Pohlgeers Experte für Marktplätze

Micha gehört zu den „alten Hasen“ in der Redaktion und ist seit 2013 Teil der E-Commerce-Welt. Als stellvertretender Chefredakteur hat er die Themenauswahl mit auf dem Tisch, schreibt aber auch selbst mit Vorliebe zu zahlreichen neuen Entwicklungen in der Branche. Zudem gehört er zu den Stammgästen in den Multimedia-Formaten OnAir und OnScreen.

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