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Hintergrund

Warum der Online-Handel jetzt auf PWAs setzen muss

Veröffentlicht: 23.01.2019 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 23.01.2019 | Gelesen: 1487 mal
Google auf Smartphone

Das Credo der Online-Gemeinde heißt seit Jahren: Mobile First. Immer mehr Nutzer gehen mobil ins Netz, kaufen mobil ein, spielen mobil. Das impliziert aber immer auch eine Trennung von mobiler und Desktop-/Laptop-Nutzung. Für diese Trennung sorgt schon allein der Umstand, dass auf dem Smartphone Apps und auf den kleinen Bildschirm angepasste Webseiten vorherrschen, während man am Rechner in der Regel klassisch über den Browser durch die Webseiten surft. Dass diese Trennung einen Bruch in der User Experience darstellt, ist klar. Google und Co. arbeiten daran, die Trennung aufzuheben und sind dem „gemeinsamen“ Internet mit den Progressive Web Applications, kurz: PWAs, einen großen Schritt näher gekommen.

Im vergangenen Oktober kündigte die Adobe-Tochter Magento das PWA Studio an, das seit der vergangenen Woche nun Bestandteil der Adobe Experience Cloud ist. Der Shopsoftware-Anbieter ermöglicht es seinen Online-Händlern damit, App-ähnliche Online-Shops in den mobilen Browser zu integrieren. Eine App ist nicht mehr notwendig, Kundenerlebnis und Konversionsrate können verbessert werden. Die Interaktion wird schneller, die Nutzungshürde wird geringer, vor allem aber: Die Kosten, den Online-Shop mobil anzubieten, sinken erheblich. Aber warum ist das so? Was bringen PWAs und warum sind sie in Zukunft quasi alternativlos?

Immersiv, schnell – und offline

Grundsätzlich sind Progressive Web Apps Webseiten, die aber nicht nur responsiv sind – ein alter Hut – sondern in Anmutung und Nutzererfahrung nativen Apps in nichts nachstehen. PWAs laufen grundsätzlich auf allen Betriebssystemen und schließen auch ältere Systeme nicht aus. Den Unterschied macht am Ende die Aktualität. PWAs laufen auf älteren Systemen dann etwa nur mit einigen Grundfunktionen, während sie auf aktuellen Android- oder Chrome-Version zum Beispiel Push-Benachrichtigungen oder die Installation auf dem Home-Bildschirm ermöglichen. Unter iOS fehlen Push-Benachrichtigungen zum Beispiel auch noch, Heise zufolge werde sich das aber spätestens mit dem Wechsel zu Chromium als Unterbau ändern.

Google wirbt damit, dass PWAs zuverlässig, schnell und immersiv sind. Ein essenzieller Vorteil gegenüber responsiven Webseiten ist die Tatsache, dass sie auch bei einer schlechten Internetverbindung schnell laden. Das funktioniert über so genannte Service Worker. Dabei handelt es sich um ein Script, das der Web-Browser im Hintergrund ausführt. Hat man eine entsprechende Seite einmal aufgerufen, werden die Inhalte auch beim nächsten Besuch schnell geladen, weil der Service Worker via Caching für die Offline-Verwendbarkeit sorgt. Die Seite kann im Zweifel also auch komplett ohne Internetverbindung aufgerufen werden. Die Service Worker sorgen auch für die Möglichkeit, Push-Benachrichtigungen zu senden, wie man es eigentlich nur von Apps kennt. Da Service Worker HTTPS voraussetzen, läuft auch jede PWA mit HTTPS.

PWAs benötigen keine Installation wie Apps, bieten aber die Funktionen einer App. Neben Push-Benachrichtigungen und der Offline-Funktionalität auch die Add-To-Homescreen-Funktionalität. Man spart also den Speicherplatz für eine Anwendung, kann die Seite aber analog zur App als Icon auf dem Startbildschirm positionieren, um sie direkt, ohne den Browser zu öffnen, aufzurufen. Da man die PWAs nicht installieren muss, wird dem potenziellen Kunden eine Nutzungshürde genommen. Für klassische Apps muss man stets den Umweg über den Play Store oder den Apple Store nehmen. Der Vorteil auf Anbieterseite: Es ist kein Entwicklerkonto bei den jeweiligen App-Stores notwendig. Darüber hinaus bleiben die Progressive Web Apps für den Nutzer stets aktuell. Je nach Telefoneinstellung muss der Nutzer die Aktualität bei klassischen App stets per Update gewährleisten.

Endlich SEO

App-Inhalte werden typischerweise nicht von Google und anderen Suchmaschinen indexiert. Mit PWAs ändert sich das, denn diese bieten die volle Indexierung der Inhalte. PWAs basieren auf dem Progressive Enhancement, das dafür sorgt, dass sie auch auf älteren Endgeräten oder solchen mit eingeschränkten Funktionen, grundsätzlich nutzbar sind. Je fortgeschrittener der Browser, desto größer die Funktionalität der Webseite. Das Progressive Enhancement ist auch ein Vorteil fürs SEO, wie Ryve bei Content Manager erläutert. Denn letztlich funktioniert es analog zur Suchmaschinen-Optimierung klassischer Webseiten – damit hat haben die PWAs Apps einiges voraus.

Das heißt also, dass die App-ähnliche Seite auch ganz automatisch in Suchergebnissen bei Google, Bing und Co. erscheint, wenn die entsprechenden Begriffe gesucht werden. Von einer App muss ich in der Regel den Namen kennen, um sie zu finden. Die App muss zusätzlich beworben werden, um in Umlauf zu kommen, die PWA macht das quasi automatisch.

Google wird’s schon richten

Natürlich sind die Progressive Web Apps nun nicht die eierlegende Wollmilchsau des Internets. Monetarisieren kann man sie zwar ganz klassisch via Werbung, verkaufen kann man PWAs aber nicht, es sind schließlich „nur“ Webseiten. Eine App lässt sich im App Store für einen beliebigen Betrag anbieten. Relativierend muss man allerdings dazu sagen: Eine kostenpflichtige App stellt freilich eine noch größere Nutzungshürde dar.

Die PWAs sind eine Erscheinung, die in nächster Zeit rasant an Momentum gewinnen wird. Sie beseitigen Nutzungshürden, bieten ein rundes mobiles Erlebnis und funktionieren plattformunabhängig. Außerdem liebt Google die Progressive Web Applications und wird, da darf man sicher sein, dafür sorgen, dass sie entsprechend vorangetrieben werden. Dass gerade Google die Verwendung und Verbreitung von Progressive Web Apps fördert, ist nicht verwunderlich. Denn ein Großteil der mobilen Internetnutzung basiert nach wie vor auf der Verwendung von Smartphone-Apps – Google und andere Suchmaschinen haben in diesem Fall nur beschränkten Zugang zu Nutzerdaten. Mit Progressive Web Apps bietet sich jedoch die Möglichkeit, auch bei der App-Nutzung an Daten zum Nutzerverhalten zu kommen. Zugleich ist denkbar, dass die PWAs auch für die Anzeige von Google-Werbung genutzt werden können. Somit würde sich für Google ein zusätzlicher Absatzmarkt über PWA erschließen. Ob der berüchtigte Google-Algorithmus Progressive Web Apps schon jetzt bevorzugt, ist unklar, aber nicht unwahrscheinlich.

Über den Autor

Christoph Pech Experte für Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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