Inflation, Energiekrise und Lieferprobleme

Peak-Saison: Das sollten Händler jetzt bei der Warenbeschaffung beachten

Veröffentlicht: 14.09.2022 | Geschrieben von: Hanna Behn | Letzte Aktualisierung: 15.09.2022
Konzept der Warenbeschaffung inklusive Symbole aus Handel und Logistik

Preissteigerungen, Energiekrise, Konsumschock, Coronavirus und Lieferengpässe – das diesjährige Geschäft zum Jahresende ist geprägt von enormen Herausforderungen und Unsicherheiten.

Wegen Aktionstagen wie dem Single’s Day oder dem Black Friday beginnt das Weihnachtsgeschäft „schon seit Jahren immer früher“, zitiert die FAZ Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH Köln) aus einem Fachgespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. Doch mit der hohen Inflation – für Herbst wird eine zweistellige Rate erwartet – kommt in diesem Jahr ein weiterer, gravierender Faktor hinzu. Denn viele Händler haben mit einem anderen Verlauf der Saison gerechnet und – oft noch vor dem Inflationsschub – hohe Lagerbestände aufgebaut: „Der Druck ist in diesem Jahr besonders stark, rechtzeitig dabei zu sein“, so der Konsumexperte. Damit sie ihre Waren dennoch verkaufen können, müssen sie voraussichtlich günstigere Preise anbieten.

Verbraucherinnen und Verbraucher werden angesichts der generellen Preissteigerungen sowie der stark gestiegenen Energiekosten spätestens mit dem Beginn der Heizperiode im Oktober gezielter abwägen, welche Anschaffungen getätigt werden müssen – und was warten kann. Und damit nicht genug: „Aktuell trifft eine Kaufzurückhaltung der Konsumenten im Bereich Non-Food auf dramatisch steigende Beschaffungskosten auf der Händlerseite“, erklärt Handelsexperte Thomas Täuber, Leiter Retail Innovation und Transformation des Strategieberatungsunternehmens Accenture, im Gespräch mit OnlinehändlerNews. 

Inflation und Ukraine-Krieg treffen auf angespannte Lieferketten

Neben steigenden Lagerkosten bereitet die Warenbeschaffung weiterhin Probleme. „Die Lieferengpässe werden uns noch bis weit ins kommende Jahr begleiten“, so Täuber. Reedereikonzerne, darunter etwa Hapag Lloyd, rechnen für die kommenden Monate noch nicht mit einer Entspannung in den Lieferketten. Die Frachtkapazitäten in der Schifffahrt bleiben knapp, insbesondere durch die Schwierigkeiten bei der Abfertigung in den Abgangs- und Zielhäfen.

„Die geopolitische Situation und die hohe Inflation treffen auf bereits seit der Pandemie angespannte Lieferketten. Aktuell sind die allgemeinen Lieferzeiten mit 90 gegenüber 60 Tagen immer noch wesentlich länger als vor der Pandemie“, erläutert Stefan Böhler, General Manager des digitalen Speditionsunternehmens Flexport. Seefrachtabfahrten aus Asien müssen wegen derartigen Verzögerungen für diese Saison viel früher als in den Vorjahren erfolgen. 

Hinzu kommt, dass Händler, die jetzt Mehrbestellungen von Materialien und Waren tätigen – um leeren Regalen und Nichtverfügbarkeiten von Produkten zur Hochsaison vorzubeugen – die Frachtrouten doppelt belasten könnten. „Denn solche vorgezogenen Lieferungen konkurrieren möglicherweise mit aktuellen Fahrten, von denen einige ohnehin schon verschoben wurden. Dies könnte, wenn sich das Timing in den Lieferketten nicht verbessert, zu einem klassischen Bull-Whip-Effekt führen“, so Böhler. 

Diese Produkte werden knapp

Wie unterschiedlich es um die Lieferprobleme in einzelnen Branchen bestellt ist, spiegeln laut dem Logistikexperten die aktuellen ifo-Konjunkturdaten für die deutsche Industrie wider: „Danach ist der Anteil der Unternehmen, die aktuell noch mit Engpässen kämpfen, von insgesamt 73,3 Prozent im Juli auf 62 Prozent im August gesunken, den niedrigsten Wert seit über einem Jahr. Laut ifo verzeichnete z. B. die Leder- und Möbelindustrie Engpassrückgänge von 79,5 auf 38,9 Prozent respektive 62,8 auf 33,4 Prozent. Andere Branchen, die etwa auf elektronische Komponenten und Halbleiterprodukte angewiesen sind, leiden immer noch unter Einschränkungen.“ 

Accenture zufolge werden vor allem Fahrräder, Unterhaltungselektronik und Weiße Ware, aber auch Baumarkt- und Möbelartikel von Lieferengpässen betroffen sein. Bei Textilien sei die Lage wieder etwas besser, im Bereich Lebensmittel steige allerdings der Druck. Hürden bei der Warenbeschaffung gebe es insbesondere bei Produkten aus Fernost. Auch bei stark saisonabhängigen Produkten wie Spielzeug, Dekoration und Winterkleidung wird eine Knappheit erwartet. Gänzlich pessimistisch ist Stefan Böhler nicht: „Trotzdem rechnen wir zum aktuellen Zeitpunkt eher mit einer ‚typischen‘, von einer ausgeprägten Saisonalität beeinflussten Peak Season, die ähnlichen Rhythmen wie in den Vor-Pandemie-Jahren unterliegt.“ Dennoch: Sowohl der Ukraine-Krieg als auch die erneuten Lockdowns in China bleiben Risikofaktoren.

Vorsichtiges Bestellverhalten und gute Kommunikation als kurzfristige Maßnahmen

Wer jetzt seine Weihnachtsbestellung noch nicht getätigt hat, für den sei es „eigentlich bereits zu spät, die Bestellungen für Waren aus Asien sind in der Regel längst platziert“, stellt Retail-Berater Thomas Täuber klar. „Jetzt kann man bestenfalls nur noch proaktiv gegensteuern.“ So müsse man sich etwa bei der Vermarktung sehr flexibel aufstellen, um augenblicklich auf eine verzögerte Anlieferung oder ausbleibende Waren zu reagieren. „Um kurzfristig etwas zu erreichen, geht es um Kaufimpulse über attraktive, aber sehr gezielte Aktionen, gepaart mit systematisch gestalteter Preiserhöhung auf der Kundenseite“, so Täuber. 

Auf Unternehmensseite wiederum sollte nun Wert auf ein fokussiertes, operatives Planungs- und Beschaffungsmanagement gelegt werden. So sollte Saisonware vorsichtig bestellt werden, so Täubers Tipp. Supply-Chain-Spezialist Böhler rät Händlern ebenfalls dazu, bei den Lieferungen jetzt Prioritäten zu setzen: „Deuten sich in der Vorschau mögliche Engpässe für ihre Branche an, sollte die Logistik vor allem auf solche Produkte setzen, die sich am besten verkaufen lassen und die auch die verfügbaren Containerkapazitäten am besten nutzen.“

Keine gute Idee ist es, Lieferpartnern Strafzahlungen bei Säumigkeit anzudrohen und so die Lieferquote zu erhöhen: „Mögliche Strafzahlungen oder bereits deren Androhung werden wenig bis nichts an den Lieferkapazitätsengpässen ändern – im Gegenteil: Derartige Maßnahmen führen kurzfristig eher zu einer weiteren Verteuerung des Frachtraums. Das wird einkalkuliert und die Partner suchen sich vorübergehend Alternativen“, warnt Täuber. 

Für die mittlere und letzten Meile, etwa im Zusammenspiel mit Fulfillment und Paketdienstleistern, ist gute Kommunikation und eine transparente, partnerschaftliche Arbeit wichtig, damit auch die Dienstleister ihre Kapazitäten rechtzeitig an einen sinkenden oder steigenden Bedarf anpassen können, so der Strategieberater von Accenture. Zeitweilige Prognosen sollten geteilt werden, um eine möglichst optimale Auslastung der bestehenden Kapazitäten zu nutzen. Das gelte sowohl für die Lager- als auch die Personalplanung. „Denn selbst kurzfristige Kapazitätsanpassungen, etwa über Zeitarbeitskräfte oder temporäre Peak-Lagerflächen, sind schwierig.“ 

„Viele agieren im Blindflug“

Transparenz helfe zudem grundlegend: Händler benötigen Informationen dazu, welche aktuellen Probleme, das können etwa Staus an den Frachthäfen sein, Lieferungen verzögern könnten. „Derzeit agieren viele noch völlig im Blindflug und werden erst dann transparent, wenn der Container bereits zwei Wochen zu spät im Lager angekommen ist“, warnt Täuber.

Auch Logistikprofi Böhler zufolge sei es aktuell „entscheidend, dass Händler und Logistiker an jedem einzelnen Tag beobachten, wie sich die Supply-Chain-Situation entwickelt. Nur eine solche vorausschauende Analyse bietet eine tragfähige Entscheidungsgrundlage“. Das gehe aber nur mit aussagekräftige Echtzeitdaten.

Für eine mittel- und langfristige Planung müsse sich um Alternativen gekümmert werden – was bereits datengestützt und automatisiert erfolgen könne und wozu auch beide Experten eindringlich raten. „Händler sollten schon im Vorhinein alternative Frachtmethoden ausloten, mit denen sich gerade ihre Produkte mit hoher Priorität z. B. schnell vom Schiff auf die Schiene beziehungsweise in die Luft verlegen lassen, sollten sich Lieferkettenstörungen andeuten. Auch die Planung mit einer größeren Anzahl von Häfen und Lieferpunkten als bisher kann sich im Ernstfall als kluger Schachzug erweisen“, betont Stefan Böhler. „Erst die Digitalisierung ihrer Supply Chain macht sie wirklich flexibel.“ 

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Über die Autorin

Hanna Behn
Hanna Behn Expertin für: Usability

Hanna fand Anfang 2019 ins Team der OnlinehändlerNews. Sie war mehrere Jahre journalistisch im Bereich Versicherungen unterwegs, dann entdeckte sie als Redakteurin für Ratgeber- und Produkttexte die E-Commerce-Branche für sich. Als Design-Liebhaberin und Germanistin hat sie nutzerfreundlich gestaltete Online-Shops mit gutem Content besonders gern.

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Kommentare  

#1 Karl Ranseier 2022-09-14 14:58
die Leutz von Accenture haben bestimmt toll BWL studiert, die wissen ja ganz besonders viel. Selten so ein realitatsfremde s Bullshitbingo gelesen. Als wäre es nicht jedem Händler seit Corona völlig klar, wie bescheiden man an Ware kommt.

[Anmerkung der Redaktion: Bitte bleiben Sie sachlich.]
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