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18 Monate Adobe-Integration

„Der Kern von Magento hat sich nicht geändert“

Veröffentlicht: 13.11.2019 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 13.11.2019
Magento Digitallogo

Es war ein zwiespältiger Moment am Ende der Konferenz MagentoLive in Amsterdam im Oktober. Brian Green, Head of EMEA Sales bei Magento, hatte die letzte Keynote gerade abmoderiert, den Teilnehmern gedankt, das orange Event in den orangen Niederlanden, worüber er sich ganz besonders freute, fast beendet, da musste er noch etwas ankündigen. Dies sei die letzte MagentoLive gewesen, die Konferenz wird künftig in die großen Adobe-Events in den USA und London integriert. Es war der bittersüße Schlusspunkt einer bis dato stimmungsvollen Veranstaltung, der nur gedämpften Applaus aus der Community zuließ.

Der Community, die für Magento – das wird stets betont – so unglaublich wichtig ist, wird nun die MagentoLive genommen? Der große Adobe-Konzern macht nun doch ernst? Seit 18 Monaten gehört Magento nun zu Adobe. 18 Monate, in denen es um Integration ging. 2019, das Jahr der Integration, hieß es im vergangenen Jahr. Was aber macht die Integration mit der Marke Magento? Mit der Community, die einen entscheidenden Anteil am heutigen Standing des Unternehmens hat. Die Angst, dass Magento mit der Übernahme verschwinden könnte, gab es in Teilen der Community von Anfang an.

Nichts ausschließen, aber...

Die Realität sei, „dass wir nicht wissen, ob das irgendwann passiert“, sagte Henryk Fiedler, Lead Solutions Consultant bei Adobe, im September auf der Dmexco, schob aber beruhigend hinterher: „Mit seiner Community von über dreihunderttausend Entwicklern hat Magento einen so großen Wert, dass die Marke zukünftig auch unter Adobe weiter fortbestehen wird.“ Mutmaßungen darüber, wie das in zwei oder drei Jahren aussieht, wolle er aber nicht anstellen. Nicht nur die Community ist besorgt, auch die Zielsetzung von Magento wird von einigen in Frage gestellt. Kleine und mittelständische Unternehmen sind Brot und Butter von Magento, eine Zielgruppe, die dem großen Adobe doch eher fernliegt. 

„Natürlich gab es auch Sorgen, dass wir den Mittelstand hinter uns lassen“, räumt Jason Woosley, Vice President Commerce Product & Platform bei Adobe, ein. „Aber darum hat Adobe Magento nicht gekauft. Die vergangenen zwölf Monate haben gezeigt, dass wir uns auf den Mittelstand fokussieren und in diese Community investieren. Ich kann nachvollziehen, dass die Menschen bei Adobe an Enterprise denken, aber wir werden zeigen, dass es dafür keinen Grund gibt.“ Man spreche mit der Community und wolle sie mit allen Bemühungen mit ins Boot holen.

„Adobe hat Magento nicht schlechter gemacht, sondern Türen geöffnet“

Genau das sieht Brian Green als seine Hauptaufgabe. Er will den Commerce-Bereich so entwickeln, dass man das mittlere Marktsegment nicht aus den Augen verliert. „Adobe hat Magento nicht schlechter gemacht, sondern Türen geöffnet“, sagt Green. Die große Fragestellung der letzten Monate lautete: „Wie bringen wir Adobe-Produkte zu den Magento-Nutzern, also zu mittleren und kleinen Unternehmen? Und umgekehrt: Wie bringen wir Magento zu den großen Enterprise-Kunden?“ Man sei in der Kommunikation bei der Übernahme „vielleicht nicht klar genug“ gewesen, räumt Green ein, „welche Vorteile für die Kernzielgruppe von Magento – kleine und mittlere Unternehmen – entstehen werden.“

Loni Stark, Senior Director Content & Commerce, die die Übernahme von Adobe-Seite miterlebt hat, betont fast entschuldigend, dass man niemanden ausschließen wolle. „Magento und Adobe sollen über alle ‚Gewichtsklassen‘ hinweg wichtig sein. Das ist unser Ziel.“ Man fühle sich kleinen Unternehmen „verpflichtet“. Um das zu unterstreichen, kündigte Adobe kurz darauf an, dass man das Digital Experience Portfolio erweitere, um das mittlere Marktsegment und kleine Unternehmen anzusprechen. Es wurde gar eine eigene Organisation innerhalb des Konzerns gegründet, die sich diesem Ziel verschreibt.

Magentos Markenkern soll bleiben

„Der Kern von Magento hat sich nicht geändert. Der Fokus liegt nach wie vor auf kleinen und mittleren Unternehmen“, erklärt Peter Sheldon, Senior Director of Strategy bei Magento. Die „Magento-Maschine“ funktioniere genauso gut wie vorher, auch wenn es neue Job-Bezeichnungen und neue Manager gibt. „Ich glaube, die Herausforderungen, die so eine Integration mit sich bringt, liegen weitgehend in der Vergangenheit, auch weil Adobe Erfahrung mit derartigen Übernahmen hat.“ Nach der Integration geht der Blick nach vorn. „Adobe öffnet uns die Tür zu echten Big Playern“, so Sheldon. Man wolle sich auf die Chancen fokussieren, die ein Konzern wie Adobe bieten kann. Loni Stark stimmt zu: Magento biete ein Produkt, „dass sich den Kunden in gewisser Weise anpasst. Magento Commerce ist keine Lösung für kleine Unternehmen, sondern für alle Unternehmen.“

2020 müsse es nun darum gehen, „Kunden, Partner und Unternehmen auf unsere Reise zum Experience Driven Commerce mitzunehmen. Und auch weiter mit der Community zu wachsen, denn diese ist auch unter Adobe ein essentieller Teil von Magento“, betont Stark. Adobe hat, auch wenn die Vorbehalte nicht mit Worten, sondern erst mit Strategie und Fakten versiegen, offenbar verstanden, dass Magento ohne seine Community nicht die Bereicherung wäre, die es aktuell offenbar ist. Mit genauen Zahlen hält man sich zurück, doch die Experience Cloud wachse jährlich stark, Brian Green zufolge habe Magento einen entscheidenden Teil dazu beigetragen.

Wie geht es weiter mit PWA und Adobe Sensei?

Eines der großen Zukunftsthemen bei Magento sind nach wie vor Progressive Web Apps, kurz: PWA. Das Thema wurde von Google federführend initiiert, Magento hat sich hier längst eine Vorreiterrolle erarbeitet. In diesem Jahr wurde es allerdings ruhig um die Technologie. Man sei „momentan in einer Phase, in der man sich darin ausprobieren muss“, glaubt Henryk Fiedler. Jason Woosley fügt an: „Die Konkurrenz zeigt durchaus Interesse am Thema. Was es jetzt braucht, sind richtige ‚Killer Apps‘. Wir nähern uns einer kritischen Masse an erfolgreichen PWA-Erfahrungen, die zu Erkenntnissen führen, die demonstrieren, dass die Technologie konkurrenzlos ist.“ Man sei, ergänzt Henryk Fiedler, „in einer Phase, in der es systematisch erweitert wird. Wir sind jetzt also kurz vor dem Punkt, an dem Händler ihr gesamtes Magento-Business in PWA umsetzen können.“

Bis das Thema aber wirklich Momentum gewinnt, dürfte noch einige Zeit vergehen. Peter Sheldon vergleicht die Situation mit dem Wechsel von statischen Seiten auf responsives Design: „Das war ein Vorgang der fünf Jahre brauchte. Wir befinden uns bei PWA noch in einer sehr frühen Phase, doch Magento ist überzeugt, dass sich die Technologie durchsetzen wird. Das dauert vielleicht auch noch einmal fünf Jahre, aber PWA ist auf dem Radar und wird sich durchsetzen.“

So wird Künstliche Intelligenz den Online-Handel prägen

Nicht minder wichtig in den Überlegungen ist künstliche Intelligenz (KI). Dank der Übernahme durch Adobe hat Magento auch Zugriff auf Adobe Sensei und die Technologie wird nun erstmals auch in Magento Commerce eingesetzt werden. Planmäßig soll Sensei ab Januar personalisierte Empfehlungen grundlegend überarbeiten und verbessern. Das Thema Personalisierung mit künstlicher Intelligenz steht für Ende 2020 auf der Agenda.

Peter Sheldon ist davon überzeugt, dass KI den E-Commerce in den kommenden Jahren entscheidend prägen wird: „Einerseits auf Kundenseite, vor allem aber auf Händlerseite. Einen Online-Shop zu führen, ist eine komplexe Aufgabe. Wir werden vor allem in den Tools, die Händler nutzen, sehr viel Automation durch KI erleben, die ihnen helfen, produktiver zu sein und sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren.“

Und ganz nebenbei bezieht man Büros in Europa und besonders in Deutschland und erweitert die Sales Channels. Zunächst auf Amazon UK und Google Ads und bald auch darüber hinaus. Jason Woosley verspricht: „Deutschland steht auf der Prioritätenliste ganz oben und wird einer der ersten europäischen Märkte sein, die wir demnächst angehen, gefolgt von weiteren europäischen Märkten.“ Nach einer Marke, die verschwindet, klingt das weniger.

Über den Autor

Christoph Pech Experte für Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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