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Kolumne

FaceApp, Amazon und Co.: Wir haben es nicht anders verdient

Veröffentlicht: 19.07.2019 | Autor: Christoph Pech | Letzte Aktualisierung: 19.07.2019
FaceApp-Icon

Ok, Disclaimer zum Anfang: Auch ich habe mich vom #FaceApp-Hype anstecken lassen und mich ehrlich amüsiert über mein altes Ich. Ich hab’s sogar getwittert. Erst im Nachhinein habe ich mich darüber informiert, wem ich da gerade eine ganze Menge persönliches Material zur Verfügung gestellt habe. Dumm, merk ich selber. Am Ende aber doch auch konsequent. Wer Facebook, Google und Twitter nutzt, wer bei Amazon automatisch festgelegte Bezahlmethoden hinterlegt, wer Android-Apps lädt, ohne die AGB zu lesen (lol), der tritt eigentlich jegliche Befugnis ab, darüber zu wettern, wenn eine App sein Gesicht speichert, weitergibt, vervielfältigt und wahrscheinlich amouröse Kalender damit füllt. Oder so.

Der Aufschrei um FaceApp ist aktuell sehr laut und sehr verlogen. Wir Deutschen tendieren ja zum Meckern, selbst, wenn das Problem eigenes Verschulden ist. Fällt mir die Kaffeetasse runter, schiebe ich das nicht auf mich, sondern auf die Physik. Was hat die jemals für mich getan? Sich im Nachhinein darüber aufzuregen, das die zwielichtige App Daten-Bingo spielt, ist scheinheilig, weil man das als Internetmensch der Generationen X bis Z wissen kann und sollte. Das steht in diesem Fall sogar in den AGB. Talking about Transparenz.

Sie tun, was sie wollen – Wir machen die Augen zu

FaceApp und die Diskussion drumherum ist ein symptomatisches Beispiel nicht nur für den heutigen Umgang mit persönlichen Daten, sondern auch für den Freifahrtschein, den wir digitalen Großunternehmen gewähren, weil sie in unserem Leben verankert sind, beruflich wie privat. N26 musste erst vor Kurzem eine Strafe wegen Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung zahlen und hat seit Jahren Probleme mit Identitätsbetrug. In dieser Woche ist N26 zum wertvollsten deutschen StartUp aufgestiegen. Amazon wird beim Prime Day seit Jahren vorgeworfen, dass Rabatte nicht so günstig sind, wie sie scheinen, Mitarbeiter klagen über ungenügende Bezahlung und Händler werden in ein festes, nicht immer rechtssicheres, Marktplatz-Korsett gezwängt. Amazon ist trotzdem der größte Online-Händler der Welt und hat Boss Jeff zum reichsten Mann des Planeten werden lassen. Weil Kunden und Händler ihn und sein Imperium dazu gemacht haben.

Android-Apps greifen zu Tausenden unerlaubt Nutzerdaten ab. Und Android ist das meistgenutzte Mobil-Betriebssystem der Welt. Kunden, Nutzer, Menschen haben für den Aufstieg der Milliarden-Konzerne aus dem Silicon Valley gesorgt, auch und gerade, weil sie mit dem bereitwilligen Preisgeben ihrer Daten dafür gesorgt haben, dass diese Unternehmen die beste Convenience, User Experience und Angebotsbreite bieten können. Die gleichen Nutzer und Kunden sprechen den Digital-Konzernen das Vertrauen ab. Laut Trendmonitor Deutschland hat ein Viertel der Facebook-Nutzer kein Vertrauen in das soziale Netzwerk. Genutzt wird es trotzdem. Einer iBusiness-Studie zufolge ist die größte digitale Angst der Deutschen der Missbrauch ihrer persönlichen Daten.

Das alles mögen keine allgemeingültigen Daten sein, die schiere Nutzung der Angebote und der Trend zum Misstrauen diesen gegenüber zeugt aber von einer gehörigen Doppelmoral. Darum ist am Ende auch der Aufschrei gegen FaceApp nicht vollständig ernstzunehmen. Was FaceApp mit Daten macht, machen fast alle Digital-Riesen – mehr oder weniger offenkundig – seit Jahren. Das Problem der Altersspielerei ist die Tatsache, dass sie keine 15, 20 Jahre Zeit hatte, das blinde Vertrauen durch Gewöhnung zu kaufen. Klar, wenn irgendwelche dubiosen Geschäftsmänner für Datenschutz verantwortlich sein sollen (laut Impressum) und wenn ich nicht weiß, wohin genau meine Daten gehen, ist das mindestens zu verurteilen. Das weiß ich aber bei Google, Facebook und Co. auch nur zum Teil. Finden auch alle doof, nutzen trotzdem alle. Tja, nun…

Über den Autor

Christoph Pech Experte für Digital Tech

Christoph ist seit 2016 Teil des OHN-Teams. In einem früheren Leben hat er Technik getestet und hat sich deswegen nicht zweimal bitten lassen, als es um die Verantwortung der Digital-Tech-Sparte ging. Digitale Politik, Augmented Reality und smarte KIs sind seine Themen, ganz besonders, wenn Amazon, Ebay, Otto und Co. diese auch noch zu E-Commerce-Themen machen. Darüber hinaus kümmert sich Christoph um den Youtube-Kanal.

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Kommentare  

#2 Armin Berndt 2019-08-11 09:48
Nein, nicht alle nutzen diese Dienste. Vor kurzem bin ich komplett von Microsoft weg - und es geht! Und das schreibe ich nicht als Anfänger-Gelege nheits-User sondern als Expert-User. So manches ist zwar unbequemer (LibreOffice) aber es geht. Ferner, ich benutze kein Android! Apple ist zwar nur etwas besser, aber immerhin. Und ich warte aktiv auf endlich ein funktionierende s Linux-Handy. Ich meine, echtes Linux, kein Pseudo-Linux wie Android. Im PC verwende ich Linux.
Wie der Autor schreibt: Schuld ist primär der Kunde.
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#1 Martin 2019-07-22 09:45
Inhaltlich gut! Klingt aber ein wenig, als würdest du deinen eigenen Fehler (Nutzung der FaceApp) hier verarbeiten :-)

Ich schaue mir schon an was ich da herunterlade - je nachdem wie bekannt oder unbekannt eine App ist entsprechend intensiv. Dennoch wie du schon richtig sagst bedeutet es ein Smartphone zu benutzen auch seine (vollständigen? ) Daten an Fremde bereitwillig weiterzugeben.

..... wenn die Tools nicht so cool wären, würde ich es sein lassen ;-)
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