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Zurückhaltung im Online-Lebensmittelhandel

E-Food hat es in Deutschland nach wie vor schwer

Veröffentlicht: 12.06.2019 | Autor: Corinna Flemming | Letzte Aktualisierung: 12.06.2019
Essenslieferdienst

Von Bücher über Elektronikartikel und Kleidung bis hin zu Kosmetikprodukten: Nahezu alles können wir uns heutzutage liefern lassen und nutzen dies auch kräfig aus. Dies beweisen unter anderem die enorm in die Höhe geschnellten Paketmengen im letzten Jahr: 2018 wurden mehr als 3,5 Milliarden Pakete durch die hiesigen KEP-Diensleiter von A nach B transportiert. 

Ein Bereich wird von den Deutschen allerdings noch sehr stiefmütterlich behandelt, wenn es um den Online-Kauf geht. Lebensmittel im Internet zu bestellen und sich nach Hause liefern lassen, wird hierzulande längst nicht so viel genutzt, wie das beispielsweise in Großbritannien der Fall ist. Einige Dienstleister haben entsprechende Services aufgrund von mangeldem Interesse sogar schon wieder eingestellt.

Auf und ab der Bemühungen in den letzten Jahren 

In der Vergangenheit hat sich die Branche mal mehr mal weniger für einen möglichen Ansturm auf den Online-Lebensmittelhandel eingerichtet. 2017 setzte sich Amazon hierzulande intensiv mit dem Thema E-Food auseinander und startete seinen Lieferservice Amazon Fresh. Der Dienst war zunächst in Berlin und Potsdam verfügbar, weitete sich dann nach Hamburg und München aus. Die Ambitionen des Online-Riesen sorgten für ein kleines Beben in der Branche, es war vom Tod der Lebensmittel-Branche die Rede. Sollte Amazon nun nicht nur das Internet bestimmen, sondern auch die großen Lebensmittelketten um Kaufland, Rewe und Co. aus ihrem Territorium verdrängen?

Auch Rewe verlässt sich längst nicht mehr nur auf das reine Ladengeschäft, sondern bringt seinen Kunden inzwischen auf Wunsch das Essen direkt nach Hause und in den heimischen Kühlschrank. Darüber hinaus hatte Kaufland Anfang Oktober 2016 einen eigenen Lieferservice in Berlin gestartet, nach der Pilotphase und nur gut ein Jahr später war aber auch schon wieder Schluss. Man habe erkannt, „dass sich ein Lieferservice im Lebensmittelbereich auf Sicht nicht kostendeckend betreiben lässt“, hieß es damals vom Unternehmen aus

Ernüchternde Ergebnisse und zurückhaltendes Interesse

Allerdings haben auch die beiden Schwergewichte Amazon und Rewe am Thema E-Food schwer zu knabbern. Nach zwei Jahren am Markt kam Amazon Fresh über seine bisherigen vier Liefergebiete noch nicht hinaus. Auch die Supermarktkette Rewe musste im letzten Jahr ernüchternd feststellen, dass der Online-Lebensmittelhandel aktuell noch kein rentabler Geschäftsbereich ist. „Wir verdienen zurzeit noch kein Geld mit dem Online-Lebensmittelhandel. Das ist eine Investition in die Zukunft“, so der Rewe-Chef Lionel Souque in einem Interview. Aus diesem Grund hat der Handelsriese auch den Ausbau vorerst gestoppt, in den 75 Städten, in denen man den Lieferservice bereits anbietet, soll vorerst die Qualität verbessert werden, bevor weitere Regionen dazukommen (wir berichteten).

Trotz dieser Angebote bestellen nach wie vor nur wenige Deutsche ihre Lebensmittel im Internet. „Der Marktanteil liegt bei nur einem Prozent“, hat Rainer Münch, Handelsexperte der Beratungsfirma Oliver Wyman, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erst kürzlich offenbart. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit deutlich abgeschlagen. In Frankreich bespielsweise liegt der Marktanteil des Online-Handels am gesamten Lebensmittelhandel bei vier Prozent, in Großbritannien sogar bei acht. Generell ist es auf der Insel schon seit vielen Jahren gang und gäbe, sich die Lebensmittel für den täglichen Gebrauch von den großen Supermarktketten wie Tesco oder Sainsbury's liefern zu lassen.

Der prophezeite Durchbruch bleibt aus

Im Januar 2018 hat PWC auf Grundlage einer Befragung noch von einem bevorstehenden Durchbruch im deutschen Online-Lebensmittelhandel geschrieben. So gaben in der Untersuchung 40 Prozent der befragten Teilnehmer an, in den kommenden zwölf Monaten online Lebensmittel bestellen zu wollen. „Damit steht der Online-Lebensmittelmarkt in Deutschland vor dem Durchbruch“ – wie die Studienautoren im vergangenen Jahr schrieben.

Doch ein Vergleich zeigt, dass Deutschland (trotz des prognostizierten Durchbruchs) von vielen Ländern abgehängt wird: In Großbritannien lag dieser Wert bei 57 Prozent, in Thailand und China sogar bei 87 bzw. 88 Prozent. Besonders zurückhaltend zeigten sich die deutschen Teilnehmer zudem bei frischen Waren wie Obst und Gemüse, Fleisch, Käse und Milch. 63 Prozent planten keine Internetbestellungen in diesem Bereich.

Und an dieser Stelle lässt sich nun sagen, dass der Durchbruch noch immer auf sich warten lässt.

Sind die Deutschen noch nicht bereit für E-Food?

Bei dem im Mai stattgefundenen Food Innovation Camp in Hamburg wurde deutlich, dass die Lebensmittelbranche vor allem auf das Thema Nachhaltigkeit setzt. Immer mehr StartUps entstehen, die essbare Löffel, veganes Eis oder gesunde Tees aus nachhaltigem Anbau anbieten. Dahingehend kann hierzulande also eine deutliche Veränderung der Essenskultur festgestellt werden. Der Wille und die Bereitschaft nach Innovationen und etwas Neuem ist also da. Warum allerdings scheut sich immer noch ein Großteil davor, sich diese Lebensmittel des täglichen Gebrauchs auch tatsächlich liefern zu lassen?

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob auch wir uns daran gewöhnen können, den wöchentlchen Gang in den Supermarkt durch Klicks im Internet zu ersetzen.

Über den Autor

Corinna Flemming Experte für Internationales

Nach verschiedenen Stationen im Redaktionsumfeld wurde schließlich das Thema E-Commerce im Mai 2017 zum Job von Corinna. Seit sie Mitglied bei den OnlinehändlerNews ist, kann sie ihre Liebe zur englischen Sprache jeden Tag in ihre Arbeit einbringen und hat sich dementsprechend auf den Bereich Internationales spezialisiert.

Sie haben Fragen oder Anregungen?

Kontaktieren Sie Corinna Flemming

Kommentare  

#1 Jeannine Rockstroh 2019-06-22 10:32
Wir haben den Lieferservice von Rewe eine Weile lang ausprobiert. So grundsätzlich waren wir zufrieden nur an der Qualität des Obstes und des Gemüses ließ es einfach zu wünschen übrig. Auch wenn mal etwas nicht lieferbar war erfuhr man das eben erst bei Lieferung. (Gerade was frische Lebensmittel betraf.) Das ist natürlich einfach nicht machbar in einem straffen Terminplan. Da man man eben nochmal in den Laden und die Sachen, die fehlten doch selber kaufen. Ich denke, es ist auch eine Hürde zu planen, was man denn in ein oder 2 Tagen wirklich braucht. Viele Menschen gehen am Tag den Verzehr einkaufen und überlegen sich eben nicht, was sie die Woche benötigen könnten. Wir gehen jetzt wieder in den Laden auf dem Weg zur Arbeit oder zurück und verbinden Wege mit dem täglichen Einkauf. Zumindest was frische Sachen betrifft. Haltbare Sachen bestellen wir im Netz.
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